Wieso scheitern klassische und agile Methoden in Webprojekten?

Der Wasserfall-Prozess, um den Archetyp der klassischen Methoden als Beispiel zu nehmen, bietet deutlich zu wenig Flexibilität, um auf die genannten Probleme und Herausforderungen zu reagieren.

Durch die Abgrenzung der verschiedenen Disziplinen und Projekt-Phasen bekommt die Projekt-Initialisierung eine sehr hohe Gewichtung. Fehler die hier gemacht werden sind später oft irreparabel oder mit extrem hohen Kosten verbunden. Dadurch wird eine sehr detaillierte Spezifikation, üblicherweise in Form eines Pflichten- und Lastenheftes, unabdingbar.

Da dieser Bereich für die Agentur üblicherweise noch in die Phase der Projekt-Akquisition fällt, und damit unbezahlt ist, können nie wirklich alle Details und Parameter berücksichtigt werden. Diese Detail-Konzeption einzupreisen, oder die Unwägbarkeiten durch Puffer in der Kalkulation zu berücksichtigen, verdoppelt nicht selten den Projektpreis, sodass die Agentur aus finanziellen Gründen für den Kunden ausscheidet. Also bleibt nur die grobe Kalkulation über den Daumen mit einem Kompromiss-Budget. Bei den hohen Unklarheiten zum Projektziel und den Erwartungshaltungen gleicht das einem Glücksspiel.

Nicht selten sind die ursprünglich geplanten Features zu Projektende nicht mehr relevant oder schießen an dem wirklich benötigten Mehrwert vorbei. Der oft gezogene Vorteil der klassischen Methoden, die Risikominimierung durch Planungs- und Ergebnisspezifikation zu Projektbeginn, erhöht das Risiko in diesem Projekt-Umfeld also stattdessen erheblich.

Durch die klare Abgrenzung der Fachbereiche und Projekt-Phasen gehen weiterhin alle Synergie-Effekte verloren. Als Beispiel kann hier eine simple Such-Funktionalität dienen:

Der Konzepter sieht ein Suchfeld mit einem Button „Suchen“ vor. Der Grafiker hätte vielleicht eine andere Form vorgezogen, setzt aber die Spezifikation des Konzeptes exakt um. Der Programmierer könnte sich die Suche deutlich besser mit Auto-Suggest Funktionalität vorstellen, setzt aber die Suche exakt gemäß der Grafik um. Das qualitativ bessere Ergebnis wäre sicher aus einer gemeinsamen Entwicklung der Anforderung unter Einbeziehung aller Disziplinen entstanden.

Wieso scheitern agile Methoden hier?

Scrum und andere Ansätze vermeiden die Probleme der klassischen Methoden sehr gut. Durch eine starke Einbindung des Kunden in den kompletten Prozess und die Konzeption wird wesentlich weniger Planung und Spezifikation zu Beginn benötigt und eine häufige Nachjustierung erlaubt Reaktionen auf den Ziel-Markt und eine immer konkreter werdende  Vorstellung des Kunden.

Weiterhin geht Scrum von einem interdisziplinären Team aus, das im kompletten Projektverlauf gemeinsam Entscheidungen trifft und somit das Gemeinschaftswerk und die Synergie-Effekt stark fördert.

Und hier findet sich auch der größte Knackpunkt im Einsatz bei Agenturen. Während in der klassischen Software-Entwicklung interdisziplinär vorwiegend ein Zusammenspiel von Programmierung, Software-Architektur und Testing bedeutete, sind in Multimedia-Projekten Gewerke wie Konzeption, Brand Management, Grafik, Motion-Design, Frontend- und Backend-Entwicklung vertreten.

Diese verschiedenen Kompetenzen zu parallelisieren stellt die größte Herausforderung dar. Erschwert wird dies durch die Ressourcenknappheit, Bindung eines Mitarbeiters in mehrere Projekte und das Bestreben, Leerlaufzeiten zu minimieren.

Tatsächlich ist die komplette Blockung eines Teams für ein einziges Projekt über den gesamten Projektverlauf in allen vertretenen Fachbereichen eine unwirtschaftliche Entscheidung. Hier muss ein gesunder, pragmatischer Mittelweg gefunden werden.

Das zweite Problem ist die Skalierung von Scrum. Dieses Thema behandeln durchaus viele Fachbücher, allerdings nur in Bezug auf große Projekte, wo von Scrum of Scrums und ähnlichen Techniken die Rede ist. Eine Skalierung auf kleine Projekte, meist nur ein oder zwei Iterationen lang, findet man nicht.

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